„Ich habe heute leider kein Foto für dich“ oder: Entscheiden über das unternehmerische Selbst

Foto: lil’_wiz, CC BY-ND 2.0

Wer „kein Foto“ bekommt, der hat seine Chance nicht genutzt. Das Ziel „Germanys Next Top Model“ (GNTM) zu werden, ist für die Kandidatin verloren. Seit 2006 wurden zahllose Zuschauer zu Zeugen derartiger Entscheidungen. Sie konnten beobachten, wie ein Gremium aus „Experten“ und „Expertinnen“, unter dem Vorsitz von Heidi Klum, vorgab gemeinsam nach fachlichen Kriterien, eine ‚objektive’ Entscheidung zu fällen. Durch eine Kette solcher Entscheidungen soll dann festgestellt werden, wer „das Zeug dazu hat“ ein Top Model zu sein. Andere Sendungen dieser Art oder Miss-Wahlen setzen auf das Vergeben von Punkten durch eine Jury. Das „Top Model“ jedoch wird über ein Verfahren „gefunden“. Was bedeutet dieser Unterschied?

Ein Entscheidungs-Drama in drei Akten

Eine Folge von GNTM ist für gewöhnlich in drei Teile gegliedert. Der erste Akt beginnt mit einer Vorschau auf die bevorstehenden dramatischen Momente. Schlechte Leistungen werden angedeutet und bestehende Konflikte in der Gruppe verschärfen sich. Die Vorschau verspricht sogar eine Eskalation der Zickereien. Es folgt eine erste Herausforderung, meistens ein ausgefallenes Fotoshooting, bei dem von jedem Model das „schönste Foto“ gesucht wird. Im zweiten Akt lockt die Aussicht auf einen Job, für den sich die „Mädels“ in einem Casting behaupten müssen. Wer besteht, wird von einem renommierten Auftraggeber engagiert. Die übrigen Kandidatinnen müssen eine andere „Challenge“ bewältigen. Dabei erhalten sie von einem erfahrenem Model, zertifiziert durch eine eindrucksvolle Liste hochkarätiger Kunden, ein „coaching“. Gelingt es ihnen die Gunst und den Segen des Lehrers zu erkämpfen, dann haben sie gute Chancen die finale Herausforderung zu bestehen.

Im ersten und zweiten Akt wird die Entscheidung der Sendung vorbereitet. Die Kameras zeigen tränende oder strahlende Gesichter und inszenieren so die ersten Präferenzen. Es werden soziale Dramen angedeutet und fortgesetzt: Gezeigt wird, wer mit wem nicht gut klar kommt, wer die „Falsche“ ist, wer es nicht verdient habe. Das dramatische Ende im dritten Akt wird angedeutet und angekündigt, dass auch dieses Mal wieder schwer „Entscheidungen“ fallen werden: Im Showdown wird jemand die Sendung verlassen müssen. Doch wer? Die „Zicke“? Oder die „Naive“ und „Tollpatschige“? Das „Aschenputtel vom Dorf“ oder doch die „Selbstbewusste aus der Großstadt“? Immer wieder betont Klum, dass es am Ende nur „Eine“ geben kann.

Kleine soziale Dramen werden inszeniert, wie in diesem Beispiel von 2016

Vom Model zum unternehmerischen Selbst

Wer in den ersten beiden Teilen der Sendung gut gearbeitet hat, hat gute Chancen in die nächste Runde zu kommen. Wer einen der begehrten Jobs ergattert, darf sich mit hoher Wahrscheinlichkeit als „safe“ sehen. Wer jedoch Fehler gemacht hat, muss damit rechnen „zu wackeln“ und am Ende sogar „nach Hause zu gehen“. Endgültig entscheidet darüber das Gremium. Laut einem der Experten im Gremium, beurteilen sie die Models dabei „objektiv“. Die Leistung der Kandidatinnen wird anhand eines mehr oder weniger festen Kriterienkatalogs bestimmt: Ein Model muss in der Lage sein auf die sonderbarsten Szenarien einzugehen, dabei „auf Knopfdruck“ authentisch und professionell zu sein. Auch ihre Persönlichkeit wird beurteilt: Die Models müssen eine „attitude“ entwickeln und den Willen zeigen, bereit sein 100% zu geben. Das Gremium erwartet von ihnen, dass sie an sich arbeiten und sich den Anforderungen anpassen; im echten Leben würde es noch schwerer werden, als in der Show, lautet die Begründung.

Zu ihrer Leistung erhalten die Models regelmäßig Feedback. Sie werden verglichen und erfahren, dass sie „heute von allen die schlechteste“ oder „die beste“ waren. Sie werden aufgefordert, genau so weiterzumachen, oder sich mehr zu bemühen „100% zu geben“; ein Mantra, dass die „Mädels“ selbst stets wiederholen: „Ich versuche einfach 100% zu geben“. Wer dies nicht schafft, der habe es einfach nicht richtig gewollt.

Der erste und zweite Akt dienen der Generierung von Entscheidungsalternativen: Welche von den „Mädels“ kommen überhaupt in Frage, es nicht zu schaffen und wo liegen deren Fehler? Zudem wird erklärt, über was genau entschieden wird: Es wird nicht einfach über die Leistung des Models entschieden. Die Kriterien dafür sind diffus und für den Laien nicht nachvollziehbar: Woran soll dieser die „attitude“ oder die Qualität des „walks“ festmachen können? Entschieden wird hingegen darüber, wer sich am besten als einen Typ von Person präsentiert hat, den Ulrich Bröckling als das „unternehmerische Selbst“ bezeichnet hat: Als eine Person, die sich selbst als „Projekt“ begreift, dass in eigener Initiative einer ständigen Bearbeitung und Selbstoptimierung bedarf. Entschieden wird nicht darüber, wer das bessere Model ist, sondern wer die Rolle des „unternehmerischen Selbst“ am besten oder eher am schlechtesten ausgefüllt hat. Über die Models kann dann, für den Zuschauer nachvollziehbar, entschieden werden.

Akt III: Objektives Entscheiden – ohne Skript?

Das Entscheidungsszenario im dritten Akt folgt in der Regel einem festen Muster: Die Models müssen einen extravaganten „catwalk“ aufführen. An der Spitze des Laufstegs sitzt das Bewertungsgremium. Anders als bei anderen Formaten der Art haben sie keinen Tisch vor sich, sondern sie sitzen auf Hockern vor der Bühne. Dem Gremium sitzt Heidi Klum selbst vor. Unterstützt wird sie dabei von zwei Adlati aus der Mode und Werbebranche. In der aktuellen Staffel füllen der Creative Directory Thomas Hayo und der Modedesigner Michael Michalsky diese Rolle aus. Deren Expertise wird im Laufe einer Episode durch die Erwähnung ihrer bisherigen Projekte und Kunden betont. In dieser Rolle erklären sie dem Zuschauer, was ein Model falsch oder richtig gemacht hat oder kommentieren was richtig gewesen wäre. In einigen Episoden wird das Gremium unterstützt von einem Experten für einen speziellen Bereich der mannequinischen Fertigkeiten.

Eine „dramatische Entscheidung“ aus dem Jahr 2015, die Jury noch in einer anderen Besetzung

Während die Models ihren Lauf aufführen, schwenkt die Kamera auf die ernsten Gesichter des Gremiums. In der Nahaufnahme wird gezeigt: Hier sitzen aufmerksame, konzentrierte Kritiker. Sie zeigen keine Emotionen, Heidi präsentiert ein neutrales Lächeln, Hayos Augen sind scharf fokussiert auf das Geschehen, Michalsky blinzelt mit zurückgelehntem Kopf, als wolle er zur besseren Fokussierung alle störenden Einflüsse ausblenden. Keine Mine zuckt, keiner führt irgendwelche sprunghaften, plötzlichen Bewegungen aus. Steife, erwartungsvolle Haltungen und Minen, schnelle Schnitte betont durch Musik bezeugen eine nüchterne Entscheidungshaltung. Das Ergebnis der Diskussion wird dann von Heidi verkündet: Das Model erhält ein kurzes Feedback von jedem Experten. Mit etwas Glück erhält sie direkt das Foto oder sie muss zunächst nochmal zurückgehen und auf das Ergebnis warten.

In einigen Episoden wurde die vorhergehende Diskussion im Gremium inszeniert: Die Experten und Expertin sitzen nebeneinander, tauschen Fotos aus, die in den vorherigen Herausforderungen gemacht wurden. Anhand der Fotos diskutieren sie die Leistung des jeweiligen Models, zeigen bestimmte Sachverhalte auf und begründen Sichtweisen. Die Fotos werden jedoch nicht als künstlerische Abbildung betrachtet, sondern dienen als objektiver Blick auf die Leistung der Models. Der Fotograf ist kein Künstler, sondern ein Fachmann, der lediglich das Rohmaterial „Model“ in Szene zu setzen vermag. Entschieden wird in diesem Szenario auf Grundlage von Fakten und Expertenwissen. Die Entscheidungen sollen einmütig wirken, größere Meinungsverschiedenheiten unter den Experten sind selten.

Die Inszenierung liegt jedoch in einem Spannungsfeld: Reality-TV steht in dem Ruf, nach einem script zu funktionieren. Wenig wird dem Zufall überlassen, sondern kann Teil eines redaktionellen Plans sein, so muss man annehmen. Die Darstellung der Entscheidung versucht, diesen Eindruck zu verbergen: Sie wird nach einem festen Ablauf gefällt, sie basiert auf der Meinung von Experten und auf objektiven Beweisen. Entscheidungen, die so, durch ein Verfahren gefunden werden, besitzen eine hohe Legitimität unabhängig vom Ergebnis – so Niklas Luhmann. Letztlich erlaubt dies, die Motive für die Entscheidung im Unklaren zu lassen. Es werden zwar Gründe genannt, aber nicht wie das Gremium daraus zur Entscheidung gelang: Für die Dramaturgie hat das den Vorteil, dass Kandidatinnen trotz schlechter Leistungen in der Sendung gehalten werden können, wenn dies der Handlung in den kommenden Episoden dienlich ist, etwa weil die Kandidatin durch ihr extrovertiertes Verhalten für aufsehen sorgt.

Diese Spannung zwischen Inszenierung und Objektivitätsanspruch wurde deutlich, als „Heidi“ auf Grund eines Schneesturms in New York nicht zur Entscheidung in L.A. sein konnte: Das Entscheidungsgremium konnte sich nicht wie gewohnt inszenieren. Stattdessen stimmten die Experten mit Daumen „hoch“ oder „runter“ über das weiterkommen des Models ab. Dass hatte aber zur Folge, dass sich das Gremium nicht mehr als einstimmig darstellen konnte und ein Experte seine Entscheidung unmittelbar begründen musste. Während die schlechten Leistungen einer Kandidatin zuvor relativiert werden konnten, in dem Heidi verkündete, dass man dennoch an sie glaube, musste ein Experte nun seine Wahl konkret begründen. Das schien zur Folge zu haben, dass Kandidatinnen, die wegen ihrer Art in der Sendung bleiben sollten, aber schlecht „performt“ haben, ein positives Votum erhielten.

Dramatische Paradoxie des Entscheidens

Die Sendung inszeniert die Auslese der Kandidatinnen in Form eines Verfahrens, mit dem Ziel, die Frage zu klären, wer „objektiv“ die beste Leistung erbrachte. Die Suche nach „Germanys Next Top Model“ ist nicht das Ergebnis einer „Abstimmung“ einer Jury oder gar das Votum eines Publikums. Die Darstellung eines solchen Verfahren, in dem Experten auf Basis von Fakten und Diskussionen eine Entscheidung herstellen, ermöglicht letztlich mit verschiedenen Unwägbarkeiten umzugehen: Diese Inszenierungen suggerieren, dass hier nach klaren Maßstäben gearbeitet wird, die dafür sorgen, dass die beste Gewinnen wird. Da es keine harten Kriterien für ein „Top Model“ gibt, die eine allgemeinverständliche Vergleichbarkeit ermöglichen, werden in der Sendung auch nicht die Fertigkeiten des Models beurteilt, sondern ob das Model in der Lage war, sich als „unternehmerisches Selbst“ zu beweisen.

Diese Darstellung der Entscheidungsfindung auf Basis von Objektivität, Beratung und Einstimmigkeit ermöglicht dann zu verbergen, dass hinter der Sendung ein größer Stab an Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen steht und ebenso ökonomische Interessen in die finale Wahl einfließen. Der Zuschauer soll den Eindruck erhalten dieser Entscheidung beizuwohnen und nicht eine zuvor getroffene präsentiert zu bekommen.

Die Suche nach „Germanys Next Top Model“ ist so auch ein Beispiel für die Paradoxie des Entscheidens, demnach ist Entscheiden nur dann notwendig, wenn es eigentlich unmöglich ist: „Es ist gerade der Mangel an Begründung, der uns eine Entscheidung abverlangt“. Gäbe es gute Gründe, dann „wäre die Entscheidung schon entschieden und müsste nur noch ‚erkannt‘ werden“.

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