Seidenhart und Bronzeweich. Herkules in Münster

von Martina Wagner-Egelhaaf

Das Maskottchen des Teilprojekts A04 „Herkules am Scheideweg? Szenarien des Entschei­dens in der autobiographischen Lebenslaufkonstruktion“ ist – wie könnte es anders sein?– der mythologische Held Herkules oder Herakles, wie er im Griechischen heißt. Herakles ist der Sohn von Zeus und Alkmene und so stark, dass er schon als Kleinkind zwei gefährliche Schlangen erwürgte. Einer Legende des Prodikos zufolge, die in den Memorabilien des Xeno­phon überliefert ist, ging Herakles als junger Mann in die Einsamkeit, um darüber nachzuden­ken, was für ein Leben er führen wolle. Da begegneten ihm zwei Frauengestalten, Ἀρετή (Arete), die Tugend, und κακία (Kakia), das Laster, die ihn beide wortreich für sich zu ge­winnen suchten. Herakles war hin- und hergerissen und wusste nicht, was er tun sollte. Aber schließlich entschied er sich für die Tugend. Im Teilprojekt A04 dient Herakles als Modell für schwierige Lebensentscheidungen. Ein anderer Strang des Herkulesmythos hat in der Auto­biographieforschung bereits in den 1990er-Jahren systematische Bedeutung erlangt. Es wurde nämlich die These vertreten, dass die berühmten Taten des Herakles, die er im Dienst des Euristheus vollbringen musste, das Vorbild für die berichtenswerten Taten des Autobiogra­phen darstellen und daher auch den autobiographischen Text maßgeblich strukturieren.

 Man muss allerdings nicht bis ins klassische Griechenland zurückgehen, um den Tugendhel­den Herakles zu treffen. Er ist auch in Münster präsent, ja sogar in unserer Universität! Im Flur vor der Aula des Schlosses hängt seit Kurzem wieder ein Gobelin, der Herkules im Kampf mit den Kentauren zeigt und der 1640 in der Manufaktur von Bernaert van Brustom in Belgien angefertigt wurde. Die Universität erwarb dieses Kunstwerk im Jahr 1967; es handelt sich mithin um das älteste Kunstobjekt, das sich im Besitz der Universität befindet.

Foto erstellt von Martina Wagner-Egelhaaf

In ihrem Weihnachtsrundbrief des Jahres 2017 warb die Universitätsgesellschaft unter ihren Mitgliedern um Spenden für das Kunstwerk, das im Lauf der Zeit Schaden erlitten hatte und restauriert werden musste. „Während der langen Jahre, in denen er im Flurbereich vor der Aula hing, wurden die Seidenfasern des Gobelins durch eine unfachmännische Montage so geschwächt, dass er sich durch sein eigenes Gewicht selbst zerriss“, heißt es in dem Rund­brief. Man denkt bei dieser Formulierung natürlich sofort an das Bild des Street-Art-Künstlers Banksy, das sich bei einer Kunstauktion in London Anfang Oktober 2018 selbst teilweise zer­schredderte. Sollte der Hersteller des Gobelins ein solches Verfahren der Selbstzurücknahme für den unsterblichen Herakles bereits im 17. Jahrhundert vorgesehen und den entsprechenden Mechanismus eingebaut haben?

Wie auch immer: Die Universitätsgesellschaft stellte das Fortleben des Gobelins in die Entscheidung ihrer Mitglieder, die denn auch tatsächlich die nö­tige Summe aufbrachten, um Herakles ein Leben im Schloss weiter zu ermöglichen. Der Go­belin stelle „den inneren Kampf des Menschen mit sich selbst – Tugenden gegen Laster– zur Erreichung des Seelenheils“ dar, so erläutert das Schreiben der Universitätsgesellschaft. Es stellt eine für den SFB „Kulturen des Entscheidens“ bedeutsame Frage und kleidet sie zu­gleich in eine unbefriedigende Antwort: „Warum man sich 1967 für den Ankauf dieses Gobe­lins entschied, ist unbekannt.“ Das wusste ja schon Luhmann, dass die Entscheidung im Jen­seits der Beobachtung liegt. Hier kann man nur imaginieren. Der Rundbrief endet mit der „schöne[n] Vorstellung, dass die Entscheider damals den kämpfenden Herkules als Sinnbild für den inneren Kampf eines jeden Wissenschaftlers und Studierenden verstanden haben, den Verlockungen des Alltags nicht nachzugeben, sondern ganz Tugendheld– den Idealen der Wissenschaft nachzustreben.“

Auf diese Weise in der eigenen Tugendhaftigkeit gestählt, kann man gleich weiter ziehen zum zweiten Herkules-Hotspot in Münster. Nur wenige Gehminuten entfernt vom Schloss stößt man vor dem LBS-Gebäude auf die Bronzeplastik des Sendenhorster Künstlers Bernhard Kleinhans mit dem Titel „Taten des Herkules“ aus dem Jahr 1973.

Foto erstellt von Martina Wagner-Egelhaaf

Hier stutzt man zunächst, widerspricht dieser schmächtige Herkules doch jeglichem Bild des halbgöttlichen Kraftprotzes wie ihn auch der Gobelin im Schloss zeigt. Und mehr noch: Die Skulptur stellt alle zwölf Taten des Herkules auf einmal dar, simultan – und Herkules mischt sich übermütig-fröhlich dreinblickend unter die erlegten, gefangenen, geraubten, gezähmten und sonst wie behandelten Tiere und Unwesen, die bei Kleinhans auch eher im Frieden vereint als angriffslustig einher marschieren. Was bedeutet das nun entscheidenstheoretisch? Handeln und Entscheiden ist beim Herkules der Taten eins: Sein Entscheiden setzt sich unmittelbar in Handeln um, seine Taten sind Entscheiden. Der sonst so entschieden Drein- und Draufhau­ende hat sich in Kleinhans‘ Skulptur jedoch unter die mythischen Objekte seines Entschei­denshandelns gemischt und ist gleichsam einer von ihnen geworden. Die Differenz zwischen Entscheider und den Objekten des Entscheidens scheint getilgt; entschieden und gehandelt wird nunmehr gemeinsam. Und offensichtlich hat man sich in den friedensbewegten 1970er-Jahren in Münster entschieden, statt eines auf Dauer gestellten Re-enactments der sattsam be­kannten mythischen Szenen lieber einen entspannten Spaziergang entlang der Promenade zu machen – und Zeus einen guten Mann sein zu lassen…

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