Aktenflut und Ressourcenknappheit

von Maximiliane Berger und Nicola Kramp-Seidel

Zwei Beiträge aus der Arbeitsgruppe „Oder kann das weg? Archivarisches Entscheiden“ beleuchten ein Spannungsfeld ökonomischer Einflüsse um Bestands- und Kassationsentscheidungen.

Money, money? Archivarisches Entscheiden und Ökonomie

von Maximiliane Berger

Tagtäglich fällen Archivare Entscheidungen darüber, ob Dokumente archivwürdig sind oder kassiert werden. „Kann das weg?“ ist zugleich immer eine Frage von Knappheit und Verknappung, von Nutzen und Haushaltung; es ist eine Frage mit ökonomischem Hintergrund.

Dabei bleibt dieser ökonomische Hintergrund häufig genau das: im Hintergrund. Im Zentrum des Nachdenkens über Wie und Warum archivarischen Entscheidens stehen zuerst die Archivalien selbst. Aus ihnen soll ihr spezifischer Wert gelesen werden, ihre Eigenschaften sollen als Bausteine des Fernziels ihrer Sammlung dienen: der Schaffung eines – wissenschaftlich, administrativ – nutzbaren Abbildes gesellschaftlicher Realität. Konsistent eingeforderte Objektivitätsmaßstäbe scheinen dem in aller Regel wissenschaftlichen Publikum dabei selbstverständlich, bzw. einer wissenschaftlichen und damit nutzerbezogenen Logik nur angemessen.

Wer zahlt, schafft an?

Derlei Transparenzdemonstrationen erfüllen freilich gleichzeitig eine Funktion im ökonomischen Hintergrund. Sie dienen der Legitimierung gegenüber Geldgebern, indem sie archivarisches Entscheiden in die (geld)ökonomisch verwertbare Sprache der Tabellen und Zahlen übersetzen. Diese Praxis mag in manchen Fällen lediglich einen dünnen Schleier der Formgleichheit produzieren, doch bis zur Frage nach dem Geldwert nicht nur archivarischer Arbeitskraft, sondern des Archivgutes selbst ist es nicht weit. In Ländern wie Australien oder Neuseeland, in denen die öffentlichen Dienste stärker marktförmig organisiert sind, wurde über ein direktes Einpflegen der Archivalien in die Bilanzen der Archive diskutiert. Wie hoch veranschlage ich aber einen Gesandtenbrief des Dr. Heinrich Stercker aus dem Jahr 1476? Wäre es bilanztechnisch sinnvoller, einen Bauplan oder noch drei Gerichtsakten zu kassieren? Archivarisches Entscheiden als Kapitalmaximierung?

Auch unabhängig von den Feinheiten der Bilanzerstellung: Unterschiedliche Archivtypen unterliegen unterschiedlichen Finanzierungsregimes, die über Material- und Personalausstattung, Rechenschaftspflicht, Dauer der Planungszyklen und Grad an Willkür der Mittelbewilligung auf Bestandsentscheidungen einwirken. Private Archive verfügen potentiell über größere Freiheiten und einen Schutzraum für unkonventionelle oder unbeständige Bestandspolitik, sind allerdings ohne Existenzgarantien womöglich größerer Willkür der Finanzierung ausgesetzt. Öffentliche Mittel erlauben dagegen in der Regel längerfristige Planungen, da institutionelle Existenzen gesetzlich verankert sind und sich die Mittelvergabe an politischen Zyklen orientiert. Sie ziehen allerdings auch eine erhöhte Rechenschaftspflicht nach sich. Anforderungen an ökonomisch-numerische Rahmungen archivarischen Entscheidens sollen Vergleichbarkeit mit anderen Empfängern öffentlicher Mittel gewährleisten. Archiventscheidungen werden so auch vor ein größeres Publikum gestellt. Auf der Basis öffentlicher Mittel sollen öffentliche Güter entstehen. Dabei stellt sich öffentlichen Archiven das Problem, dass allenfalls durch weitere Verwendung ihrer Bestände und Dienstleistungen auch im ökonomischen Sinne ‚öffentliche Güter‘ produziert werden, nicht jedoch im Archivbetrieb selbst.[1]

Es ergibt sich leicht der Eindruck eines Ungleichgewichts, das wiederum leicht negativ zu überzeichnen ist: Die Archive halten die Hand auf, daher richtet sich archivarisches Entscheiden oder zumindest seine Nachrationalisierung nach den Anforderungen der Geldökonomie. Allein die Tatsache, dass Geld – häufig genug öffentliche Mittel – im Spiel ist, suggeriert bisweilen Schreckensszenarien des „Kaputtsparens“ (anders gewandt: des „Schmarotzens“) oder der vorauseilenden Unterwerfung unter die numerische Tyrannis.

Was macht ihr hier eigentlich?

Die Konstellation „Ökonomie und Archiv“ hat aber bei weitem nicht nur diese Seite. Archivarische Entscheidungen balancieren unterschiedliche Tausch- und Produktionsbeziehungen, von denen ihr Entscheidungsraum geformt wird. Es ist lediglich so, dass zwischen Finanzierungsbeziehung und Ergebnissen archivarischen Entscheidens ein Unübersetzbarkeitsproblem herrscht, das Archive mit anderen Institutionen des Kultur- und Bildungsbereiches wie Universitäten oder dem öffentlichen Rundfunk, aber beispielsweise auch mit der Landesverteidigung gemein haben. Was dürfen Archive kosten? Die Antwort erfolgt in der Regel nicht durch Angabe einer Tugend oder eine Beschreibung zerrütteter Nerven, sondern durch Nennung eines Geldbetrages. Was produzieren Archive? Hier lautet die Antwort sinnvollerweise nicht € 2,60.

Archive schaffen Legitimität. Institutionen, vor allem öffentliche Institutionen, leisten sich Archive aus guten Gründen. Das, was an Schriftgut aufgehoben wird, bildet die Grundlage öffentlicher Rechenschaftslegung, nachvollziehbarer Gleichbehandlung und externer wie interner Transparenz. Nach wie vor ist die (über einige Personalgenerationen aufbewahrte) Akte ein Artefakt, das durch seine Existenz Vergleichbarkeit – Nachvollziehbarkeit, Kontinuität – der institutionellen Praxis garantiert, und damit institutionelle Legitimität. Administrative Modelle, die auf die Frage „Kann das weg?“ überwiegend mit „Ja!“ antworten, stoßen auf Schwierigkeiten: Bureaucracies remember, post-bureaucratic organizations forget.[2] Nicht nur die Frage, wie man ihre Legitimitätsleistung in Geldwerten beziffert, beeinflusst die Entscheidungen der Archivare, sondern auch, wie viel und in welchem Bereich die institutionelle Kultur jeweils auf Kontinuität Wert legt.

Auch über die einzelne Institution hinaus gibt es Konjunkturschwankungen des Wissens, das durch die Entscheidungen der Archivare produziert und produzierbar wird. Wie steht beispielsweise die Nationalgeschichte im Kurs, verglichen mit Pluralität und Verflechtung? Besteht Nachfrage nach Dokumenten über Migration? Je nachdem, wer sich zuerst auf die neue Hausse einrichtet (oder sie in Gang setzt), materiell wie diskursiv, sind Archive im einen Extrem Institutionen, die den Anforderungen der Zeit nicht genügen, die dementsprechend ihre Bestands- und Repräsentationsentscheidungen anpassen müssen. Oder sie sind im anderen Extrem Dienstleister, die jetzt zeitgemäßes Wissen immer schon bargen. Das Rechnen und Haushalten mit dergleichen Trends wird sowohl die Entscheidenspraxis wie die Nachrationalisierungen archivarischer Entscheider leiten – und selbst wiederum Rückwirkungen auf die finanzökonomische Einordnung der Archive haben.

Einen weiteren Aspekt von Ökonomie und Archiv beleuchtet im Folgenden der Beitrag von Nicola Kramp-Seidel, in dem es buchstäblich um die Haus-Haltung gehen wird.

[1] Das Angebot des Archives selbst erfüllt die Bedingungen der Nicht-Ausschließbarkeit und Nicht-Rivalität allenfalls ideell. Wie Archivbesucher wissen, kann man sehr leicht an der Nutzung einer Akte gehindert werden, da diese in der Regel nicht frei zugänglich sind – auch wenn, mit wenigen Ausnahmen, in staatlichen Archiven theoretisch jeder zur Einsicht berechtigt ist. Synchron (aus benutzungspraktischen Gründen) wie diachron (aus konservatorischen Gründen) steht die Aktennutzung nicht unbegrenzt vielen Gesellschaftsmitgliedern offen.

[2] Pollitt, C.: Bureaucracies Remember, Post-Bureaucratic Organizations Forget?, Public Administration 87:2 (2009) 198-218.

Gegen die Flut oder mit der Flut? Archivarisches Entscheiden unter Raumknappheit

von Nicola Kramp-Seidel

Während im vorangegangenen Beitrag archivarisches Entscheiden unter ökonomischen Gesichtspunkten beleuchtet wurde, soll in diesem Beitrag ein Schlaglicht darauf geworfen werden, wie Raumknappheit archivarisches Entscheiden bestimmt.

Der Zusammenhang zwischen der archivischen Bewertung von Materialien und Schriftgut und einer beschränkten Raumkapazität ist offenkundig, wird jedoch in einschlägigen Artikeln zur Archivführung und Archivtektonik nicht explizit herausgearbeitet. Doch lässt sich bei der Artikellektüre der unterschiedlichen Jahrgänge erkennen, dass unterschwellig die Problematik der Raumsituation immer eine Rolle spielt, wie bereits in Fritz Zimmermanns Artikel von 1958, in dem er sich für einen „objektiven Archivwert“ als Maßstab ausspricht.[1] Denn Zimmermann verortet die archivarische Praxis zu seiner Zeit zwischen zwei Extremen: der Aufnahme fast des gesamten archivreifen Materials und eines „extremen“ Kassationsverfahrens, d.h. der unwiederbringlichen Vernichtung eines Großteils des Materials. Seine Kritik an der ersten Methode wird mit einer Überfüllung der Archive begründet und deutet somit die problematische Raumsituation an. Zimmermann zeigt damit auch die Notwendigkeit der Ermittlung eines Archivwerts auf, auf der sein Hauptaugenmerk liegt. Auch Angelika Menne-Haritz deutet eine Verbindung zwischen der Bewertung des Archivgutes und des beschränkten Raums an, indem sie eine Kassation als notwendig erachtet, „weil sie die Menge auf ein handhabbares Mass reduziert“[2]. Sie geht dabei zwar nicht eindeutig auf die Raumsituation ein, doch klingt diese untergründig in ihrer Formulierung an. Menne-Haritz untersucht primär, wie geschlossenes Schriftgut zu Archivgut umgewidmet wird und welche Bewertungskriterien hierfür angesetzt werden können.

Aber es finden sich auch Darstellungen, in denen offen auf die Verbindung zwischen archivischer Bewertung und der Raumsituation hingewiesen wird: So betont Katharina Tiemann, dass man räumliche Probleme hätte, wenn alles Material übernommen würde. So werde auch durch Landesgesetze für die einzelnen Archive die „Auswahl von archivwürdigen Unterlagen“ vorgeschrieben.[3] Sie verweist dabei auf die Problematik, dass in den Archivgesetzen der Länder archivwürdiges Gut nicht klar definiert ist. So heißt es im Archivgesetz des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen: „Über die Archivwürdigkeit entscheidet das zuständige Archiv unter Zugrundelegung fachlicher Kriterien“.[4] Für diese Arbeit der archivischen Bewertung werden unterschiedliche Verfahren und Kriterien genannt. Hilfreich sind diese Bewertungskriterien sicherlich auch, um die Kontingenz solcher Entscheidungen reduzieren – denn wenn das Dokument kassiert wurde, ist es unwiderruflich zerstört –, wobei hier gerne zwischen inhaltlichen und formalen Kriterien unterschieden wird.

Bei Fotobeständen wird auf den scheinbar eher geringen Raumbedarf von Fotografien hingewiesen, und Axel Metz arbeitet heraus, dass dieses Argument mit angeführt wird, um keine archivische Bewertung von Fotos vorzunehmen. Jedoch ist es angesichts der großen Zahl von Fotobeständen kaum vorstellbar, dass der Raumbedarf nicht ebenfalls auch als Ursache für die Bewertung gesehen werden kann. Dies ist auch der Fall, wenn unerschlossene Fotobestände in Magazinen legen, was laut Axel Metz ein wichtiger Anlass für eine Bewertung ist. Seine Aussage impliziert, dass die für eine Lagerung von unerschlossenen Fotos genutzten Räume ggf. doch für anderes Archivgut hätten benutzt werden können. Zudem führt Metz im weiteren Verlauf seines Artikels an, dass z.B. bei der Sammlung von Alltagsfotografien, die oftmals große Fotobestände bilden, aufgrund der Fülle nicht sämtliche Fotografien archiviert werden können.[5] Also ist an dieser Stelle zumindest ein Zugeständnis zur großen Menge und damit eine Andeutung der problematischen Raumsituation erkennbar – neben vor allen Dingen vorgetragenen wirtschaftlichen Aspekten für eine archivische Bewertung von Fotobeständen.

Interessant ist, dass man in der Literatur zur Archivführung und Archivtektonik zwar einige Anmerkungen zu Bewertungskriterien und dem Umgang mit Archivgut findet, weniger aber zur wirklichen Zahl kassierter Materialien. Eine starke Ausnahme bietet die Darstellung in „Steuerung der Überlieferungsbildung mit Konzeption für das Landesarchiv NRW Archivierungsmodellen“. Hier wird betont, dass durch einen Kabinettsbeschluss vom 28. Mai 2002 die staatlichen Archive nur noch ca. 1% des Schriftgutes übernehmen dürfen, was als „untere Grenze des archivfachlichen Vertretbaren“ angesehen wird.[6]

Ebenfalls angedeutet wird die hohe Zahl der Kassation im folgenden Zitat:

Die Übernahmequote des städtischen Schriftgutes wird durch eine stringente Bewertung relativ zum Gesamtvolumen der entstehenden Unterlagen und im Vergleich zu den Bewertungen der letzten Jahrzehnte deutlich reduziert. Erreicht werden kann dies insbesondere im Bereich der Massenakten: Diese haben unter den Bedingungen der modernen Leistungsverwaltung umfangmäßig den größten Anteil am gesamten Schriftgut. Eine deutliche Reduzierung in diesem Bereich schafft daher eine relativ stärkere Entlastung als bei den Sachakten.[7]

Der begrenzte Raum in Archiven ist somit mit ein wichtiger Grund für die archivische Bewertung und die wahrscheinlich hohe Zahl der Kassation.

[1] Fritz Zimmermann, Wesen und Ermittlung des Archivwertes. Zur Theorie einer archivalischen Wertlehre, in: Archivalische Zeitschrift 54 (1958), S. 103-122, S. 104.

[2] Angelika Menne-Haritz, Schlüsselbegriffe der Archivterminologie, Marburg 32006 (Veröffentlichungen der Archivschule Marburg 20), S. 450.

[3] Vgl. Katharina Tiemann, Bewertung und Übernahme von amtlichen Registraturgut, in: Reimann, Norbert (Hrsg.): Praktische Archivkunde. Ein Leitfaden für Fachangestellte für Medien- und Informationsdienste. Fachrichtung Archiv, 2. überarbeitete Auflage, Münster 2008. S. 83–95, S. 85.

[4] Ebenda, S. 86.

[5] Axel Metz, Nicht jedes Bild sagt mehr als tausend Worte – Ein Beitrag zur Bewertung von Fotobeständen. Transferarbeit im Rahmen der Ausbildung zum höheren Archivdienst. 40. Wissenschaftlicher Kurs der Archivschule Marburg, Stuttgart 2007.

[6] Vgl. Steuerung der Überlieferungsbildung mit Konzeption für das Landesarchiv NRW Archivierungsmodellen, Aktualisierte Fassung vom 30.06.06, S. 19.

http://www.archive.nrw.de/lav/archivfachliches/ueberlieferungsbildung/Fachkonzept_Ueberlieferungsbildung.pdf.

[7] Das Dokumentationsprofil für das Historische Archiv der Stadt Köln, Stand 2013. Link unter:

http://www.archive.nrw.de/kommunalarchive/kommunalarchive_i-l/k/Koeln/BilderKartenLogosDateien/Dokuprofil.pdf. (zuletzt aufgerufen: 10.8.1018).

Wenn du könntest, würdest du es wirklich wollen?

Entscheidensszenarien in Lana und Lilly Wachowskis The Matrix

von Zarah Rietschel

 

Stell Dir vor, Du fristest ein Doppelleben als nachtaktiver Hacker und gesetzestreuer Büroarbeiter am Tage, in Deinem Leben ereignet sich nichts Spannendes, bis auf die Tatsache, dass Du das Gefühl hast, irgendetwas sei seltsam, was genau kannst Du jedoch nicht sagen. Bis geheimnisvolle Botschaften auf Deinem PC auftauchen, Du an Deinem Arbeitsplatz (dem Büro, nicht Deinem zellenartigen Hackerzimmer) von sonnenbebrillten Männern aufgesucht und auf den Fenstersims des Hochhauses getrieben wirst, in welchem Du arbeitest. Warum Du vor ihnen fliehst, weißt Du nicht, nur, dass Du der Dir unbekannten Stimme an Deinem Handy mehr vertraust als ihnen. Du lässt Dich von ihr lenken, bis Dein Leben mit Dir auf dem Fensterbrett ins Wanken gerät, Du erwischt, verhört und verwanzt wirst. Wieder bekommst Du einen Anruf, sollst Dich nachts –natürlich bei Regen– unter einer Brücke mit der Frau treffen, nach deren erstmaligem Auftreten in Deinem Leben plötzlich Verfolgungsjagden und zuwachsende Münder zu Deinem Alltag gehören.

So wird Neo im ersten Teil der Trilogie von Matrix-Agenten an seinem Arbeitsplatz aufgesucht, die ihn nicht nur verfolgen und verwanzen, sondern davor auch im wahrsten Sinne des Wortes zum Schweigen bringen, indem sie auf rätselhafte Weise bewirken, dass sein Mund zuwächst und somit jedwede mündliche Gegenwehr unterbunden wird. Du tust es und findest Dich kurze Zeit später einem lässig wirkenden Typen gegenüber, der sich Morpheus nennt und Dir zwei Pillen hinhält, eine rote und eine blaue. Wofür entscheidest Du Dich? Dein Leben dort fortzusetzen, wo es stand, bevor es plötzlich abgedreht wurde und Sonnenbrillen innerhalb von Bürokomplexen als hip galten? Oder: Das „wonderland“, das vielmehr trostlose Horrorlandschaft mit überaus schlechten Witterungsverhältnissen heißen müsste, zu erkunden und die ‚Wahrheit‘ (!)zu erfahren? Und, hättest Du Dich anders entschieden, wenn Du Familienvater, erfolgreiche Autorin oder leidenschaftlicher Hobbyballetttänzer mit konkreten Karriereaussichten gewesen wärst? Das ist natürlich eine rein hypothetische Überlegung. In etwa wie die, die Morpheus Neo auf dessen Frage hin darbietet: „I can’t go back, can I?“ „No, but if you could, would you really want to?“.

Cypher, der sich als Bösewicht im Film etabliert, möchte seinen Plan in die Tat umsetzen, den gegangenen Weg rückgängig zu machen und in sein altes Leben zurückzukehren. Möglich scheint es also doch zu sein, denn er ist auf dem besten Weg seinen Plan zu verwirklichen. Entsprechend müsste die Frage doch eher lauten: Welchen Preis würdest Du zahlen, um zurückgehen zu können? Zurück in die Unwissenheit, den ‚Fake‘, aber einen recht hübschen im Vergleich zum Leben auf der Nebukadnezzar, mit heilen Klamotten und besserem Essen, zumindest, solang die Maschinen, denen Du als Energiequelle dienst, Dich nicht ein fiktives Leben als Obdachloser fristen lassen. Immerhin sind sie es, die darüber entscheiden, welche Bilder sich in Deinem Kopf abspielen, welches Leben Du zu führen glaubst, in welcher Matrix Du Dich bewegst. In der realen Welt liegen (beinahe) alle Menschen gleich da, als Energiequellen in endlosen Schlaf gefesselt. Was sich dabei jedoch in ihren Köpfen abspielt, unterscheidet sich bei jeder Einzelnen und jedem Einzelnen.

Die Entscheidensszenen im ersten Teil der Matrix-Trilogie scheinen die betroffenen Figuren nicht immer wirklich vor die Wahl zu stellen, wie es beispielhaft deutlich wird, wenn Neo sich bei der Frage „our way or the highway?“ für den highway entscheidet und Trinity ihn beim Öffnen der Tür zurückhält. Fast ließe sich annehmen, dass Neo sich selbst weniger vertraut als Trinity und Morpheus und sich darauf verlässt, dass die beiden wissen, wie es mit ihm weitergehen soll.

Ist also die Frage, ob rot oder blau nicht allein die nach einem erfüllten Leben, sondern auch nach einem eher stark oder schwach ausgeprägten Selbstbewusstsein bzw. hängt die Antwort von der jeweiligen Entscheidenskompetenz der Figuren ab? Am Ende bleiben Fragen, nicht nur bezüglich inhaltlicher Aspekte des Films – Wieso kann Morpheus‘ Crew mit Handys telefonieren und braucht demgegenüber, um Körper und Geist wiederzuvereinigen, Festnetzanschlüsse? Wieso ist Neos Sonnenbrille in der letzten Szene des Films schief? Und was haben die dicken Hasen auf dem Fernsehbildschirm im Wartezimmer der Wahrsagerin zu bedeuten?

Sondern auch hypothetischer Natur: Äße ich als Vegetarierin Fleisch, wenn ich wüsste, dass es nur fiktiv ist? Wie weit ginge ich, wenn ich wüsste, dass die Welt um mich herum nur in meinem Kopf existiert und ich eigentlich in einem mit Aspik befülltem Behälter als menschliche Batterie fungiere? Wir können es nicht wissen, nur überlegen und vielleicht erahnen. Am Ende liegt es an uns, die Tür zu öffnen, die uns gezeigt wird oder sie geschlossen zu halten und zu hoffen, dass die nächste Person, die vor sie tritt, entschlossener durchschreitet.

Was passiert, wenn ‚Drama‘ und ‚Entscheiden‘ auf dem Spielplan stehen?

Ein Interview mit dem Literaturwissenschaftler Prof. Dr. Alexander Honold

von Sarah Nienhaus

                             © Universität Basel, Andreas Zimmermann

Alexander Honold hat seit 2004 die Professur für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Basel inne. In den Aufsätzen Bildhafte Tugenden, erzählte Laster. Von der Topik zum Plot (2010), Das Gottesurteil und sein Publikum. Kleists dramatischer Dezisionismus in ‚Der Zweikampf‘ (2013) und „Entscheide Du“. Kleists Komödie der Dezision (2013) hat Alexander Honold die Darstellung und Funktionen des ‚Entscheidens‘ sowie Entscheidensfiguren analysiert; mitunter auch ‚Herkules am Scheideweg‘.[1]

Angelehnt an Erving Goffmans Frame Analysis[2] wurden Entscheidensprozesse innerhalb des SFB 1150 wiederholt als ‚soziales Drama‘ tituliert. Daran anschließend wurden bislang primär die theatrale Metaphorik und Semantik des Entscheidens untersucht, kaum aber die gattungsspezifische Qualität des Dramas für Entscheidenskulturen ausgelotet. Umso dankbarer sind wir Alexander Honold, dass er in Form eines Interviews das Verhältnis zwischen ‚Drama‘ und ‚Entscheiden‘ konturiert und den Wissensschatz des SFB um eine gattungsspezifische Dimension erweitert.

Welche Aufgabe hat die Literatur Ihres Erachtens im Kontext einer ‚Poetologie des Entscheidens‘?

Literatur hat dabei die Aufgabe, Darstellungsformen und Auftrittsbedingungen von Entscheidungsvorgängen sichtbar zu machen, indem sie die Dichotomie von noch offenen und bereits getroffenen Entscheidungen zum Thema macht und sich an dieser Schwelle möglichst dauerhaft ansiedelt.

Welchen Stellenwert und welche Funktion haben Prozesse des Entscheidens im Drama?

Dramatische Literatur ist – anders als Erzählliteratur – nicht auf abgeschlossene Vergangenheit als Geschichte bezogen, sondern auf Vorgänge des Handelns in ‚Echtzeit‘. Dies ermöglicht ihr, und beauftragt sie zugleich, sich um ergebnisoffene Entscheidungsprozesse zu kümmern und dabei Kontingenz als einen Modus dramatischer Handlungsketten sichtbar zu machen.

Ist das Drama eine ‚entscheidensaffine Gattung‘?

Es handelt sich hier um einen wechselseitigen Prozess, denn Entscheidungsvorgänge haben per se auch einen theatralen, inszenatorischen Charakter, insbesondere etwa im Institut des Ordaliums. Die Theatralität juristischer Entscheidungsvorgänge (das Fällen von Urteilen) ist dabei an ein spezifisches Gebot der Öffentlichkeit gebunden, hat also den theatral relevanten Faktor des Publikums zu berücksichtigen. Ebenso kommt im Drama insofern ein Dreieck aus Problemstellung, Protagonisten und Publikum zur Entfaltung.

Wie relevant sind beratende Figuren innerhalb eines Entscheidensprozesses?

Beratende Figuren können als Stellvertreter des Beobachterstandpunktes verstanden werden, sie können aber graduell auch die Wahrnehmung von Eigeninteressen übernehmen und verhandeln somit den Gegensatz von Handeln und Beobachten.

Welche Funktionen besitzen Zeit und Raum innerhalb eines Entscheidensprozesses?

Der Zeitfaktor ist im Hinblick auf die Konvention der Irreversibilität von getroffenen Entscheidungen relevant; er stellt Entscheidungsprozesse unter den Vorbehalt der Entscheidungsfrist und schafft damit erheblichen Druck (Zeitdruck). Räumliche Modelle können den Schematismus von Dezisionen veranschaulichen (z. B. Herkules am Scheidewege, Grammatik der Bifurkation etc.).

Existieren bevorzugte Zeitformen und Raumkonstellationen für die Darstellung von Entscheidensprozessen?

Grundsätzlich können die verschiedensten Settings für Entscheidungsprozesse herangezogen werden; meistens sind sie allerdings an die konstruktive Funktion von Wende- bzw. Umschlagspunkten gebunden.

Während Ihrer Zeit am Freiburger Institute for Advanced Studies (FRIAS) haben Sie das „Distinktionsverhältnis und Zusammenspiel“ von Drama und Narration untersucht. In autobiographischen Texten werden Entscheidensprozesse vorrangig mit einem szenischen Gattungswechsel dargestellt. Würden Sie sagen, dass sich Entscheidensprozesse generell durch ein Wechselspiel von „narrativierenden und dramatisierenden Verfahren“[3] auszeichnen?

Erzählen stellt Handlungsprozesse je schon unter die Doppelperspektive des aktuellen Vorgangs und der bereits geschehenen Handlung. Die Implementierung dramatisch-szenischer Mittel schafft hier eine Form der ergebnisoffenen Verlebendigung. Umgekehrt kann der Einsatz narrativer Elemente im Drama dazu beitragen, Beobachtungen zweiter Ordnung in ein szenisches Geschehen einzuführen.

Welchen Beitrag leisten Literatur und Literaturwissenschaft für eine Entscheidenspraxis und -theorie?

Literatur ermöglicht Beobachtungen zweiter Ordnung und eröffnet Spielräume hypothetischer bzw. virtueller Entscheidungsszenarien. Sie kann damit einen Kontrapunkt zu faktischen Entscheidungsprozessen, sei es biographischer oder gesellschaftlicher Natur, darstellen.

Welcher Dramentext sollte unbedingt gelesen werden, um ‚Kulturen des Entscheidens‘ zu untersuchen?

Shakespeares Hamlet, Schillers Wallenstein.

In Ihrer Analyse von Heinrich von Kleists Der Zweikampf bezeichnen Sie den ‚Zweikampf‘ als ‚binäre Figur des Dilemmas‘. Welche Entscheidensfiguren erachten Sie als prominent?

Bifurkation, Hasard (Würfelwurf), Ordalium, Bibelstechen (und verwandte Semantisierungen ominöser Zeichen).

Mit welcher Dramenfigur gingen Sie gerne Essen?

Mit Hašeks Schwejk (einer dramatischen Figur im Roman, die Rabelais‘schen Appetit mit Kafka’scher Hungeraskese verbindet…).

Mit welcher Dramenfigur träfen Sie gerne eine Entscheidung?

Rip van Winkle (Max Frisch).

[1] Alexander Honold: Bildhafte Tugenden, erzählte Laster. Von der Topik zum Plot. In: ders./Ralf Simon (Hg.): Das erzählende und das erzählte Bild. München 2010, S. 397-439; der.: Das Gottesurteil und sein Publikum. Kleists dramatischer Dezisionismus in Der Zweikampf. In: Dieter Heimböckel (Hg.): Kleist. Vom Schreiben in der Moderne. Bielefeld 2013, S. 95-126; ders.: „Entscheide Du“. Kleists Komödie der Dezision. In: DVjs 87 (2013) 4, S. 502-532.

[2] Erving Goffman: Frame Analysis. An Essay on the Organization of Experience. Boston 1991.

[3] Alexander Honold: FRIAS-Projekt. Erzähltes Schauspiel, theatrale Narration. https://www.frias.uni-freiburg.de/de/das-institut/archiv-frias/school-of-lili/fellows/honold_lili [26.03.2018].

Szenen des Entscheidens

Auftakt der Filmreihe mit Anne Zohra Berrached und Claudia Roesch

von Sarah Nienhaus

Am 11.12.2017 um 17.00 Uhr flimmerten bei Popcorn und Wasser am Domplatz 6 die ersten Szenen des Entscheidens an den neuen Bürowänden des SFB 1150. Der Auftakt der Reihe galt dem Film 24 Wochen, zu dessen Vorstellung die Regisseurin Anne Zohra Berrached und die Historikerin Claudia Roesch als Gäste geladen waren.

24 Wochen erschien im Spätsommer 2016 und wurde u. a. mit dem Gilde-Filmpreis, Studio Hamburg Nachwuchspreis und Förderpreis der DEFA-Stiftung ausgezeichnet. Die Figuren Anne (Julia Jentsch) und Markus (Bjarne Mädel) haben ein gesundes Kind, eine glückliche Ehe und sind beruflich erfolgreich. Als sie ihr zweites Kind erwarten, erfahren sie im sechsten Monat der Schwangerschaft, dass das Ungeborene schwerkrank ist. Fortan wird den Eltern zugemutet, über eine Spätabtreibung zu entscheiden. Dabei zeichnet sich der Film durch die berücksichtigten, konfliktauslösenden Partnerperspektiven aus. Zudem besitzt die Verfilmung dokumentarische Anteile, da Ärzte wie Hebammen von medizinischem Personal ohne Schauspielerfahrungen dargestellt werden.

Mit der Filmreihe Szenen des Entscheidens wird das Anliegen verfolgt, das Medium Film als Untersuchungsgegenstand schärfer zu konturieren. Zugleich soll der Versuch unternommen werden, eine breite Diskussionskultur zu fördern, indem die Türen des SFB 1150 für ein interessiertes Publikum geöffnet werden. Die jeweiligen Filmabende widmen sich primär dem Stellenwert ausgewählter ‚Entscheidensprozesse‘ in spezifischen Kommunikationsgefügen.

Mit Anne Zohra Berrached konnte für die erste Sitzung eine international anerkannte Regisseurin als Diskussionspartnerin gewonnen werden. Sie bot einen Einblick in die filmischen Darstellungstechniken privater Entscheidensprozesse. Die Herausforderung einer sich dem Thema Spätabtreibung verpflichtenden Recherche sowie die Interaktion mit professionellen Schauspielern und Schauspielerinnen wie Laiendarstellern und Laiendarstellerinnen wurden von Berrached ebenfalls eingehend vorgestellt. Im Verlauf der Recherchen und Dreharbeiten beobachtete Berrached, dass Ärzte und Ärztinnen sich von den Gesetzgebern und Gesetzgeberinnen überwiegend alleingelassen fühlten, da im Falle einer Spätabtreibungen jeweils eine Individualregelung gefunden werden müsse. Spätabtreibungen erwiesen sich zugleich in unterschiedlichen Kontexten als Tabuthema. So berichtete Berrached von den vielfältigen Schwierigkeiten, Fördergelder einzuwerben; dabei begleitete sie stetig die Angst, dass der Film vom Publikum abgelehnt werden könne. Daran anschließend legte sie dar, welche Entscheidensprozesse zu durchlaufen sind, wenn siebzig Stunden Rohmaterial auf hundertzwei Minuten zugeschnitten werden sollen.

Die Kommentare von Claudia Roesch, die sich innerhalb des SFB mit Reproduktionsentscheidungen beschäftigt, lieferten zusätzlich eine erweiternde, geschichtswissenschaftliche Perspektive auf die Thematik. Roesch analysierte den filmisch dargebotenen Entscheidensprozess und ordnete die dargebotenen Teilaspekte einer Entscheidung historisch prominenten Debatten zu. Laut Roesch stellt sich dabei stets die Frage, wer letztlich als entscheidende Instanz in Erscheinung treten dürfe und wie die Entscheidung rhetorisch legitimiert werde. Kommunikativ werde zwischen Frau, Partner*in, Ärzten und Ärztinnen eine Entscheidung ermittelt. Berrached wie Roesch erläuterten diskussionsbegleitend die Kritik an der Pränataldiagnostik. Gemäß Roesch kritisieren einzelne Vertreterinnen der ‚Frauenbewegung‘ besonders die komplexe Untersuchungstechnik, die ein Spezialwissen erfordere, das selten gegeben sei; dies habe wiederum zur Folge, dass schwangere Frauen sich auf ein ‚Expertenwissen‘ verlassen müssten.

Roeschs und Berracheds Diskussionsbeiträge präsentierten unterschiedliche Recherche- und Darbietungspraktiken innerhalb eines gemeinsamen Forschungsfeldes. Beide Beiträge klassifizierten ‚Wissen‘ als eine zentrale ‚Ressource des Entscheidens‘.

An dieser Stelle sei allen Gästen herzlich für die Diskussionsbeiträge, dem Vorstand für den bewilligten Antrag und Brigitte Heeke für die kreative Plakatgestaltung sowie die gelungene Zusammenarbeit gedankt.

Organisiert und konzipiert wurde die Filmreihe Szenen des Entscheidens von Alexander Durben, Matthias Friedman, Hanno Jansen, Laura-Marie Krampe und Sarah Nienhaus.

Erzählte Ordnungen – Ordnungen und Entscheiden

von Maximiliane Berger

http://www.ds.uzh.ch/Agenda/?show=2391

Ordnung in Zürich

Ein dichtes Programm und ein luftiger Raum: beste Voraussetzungen für anregende Diskussionen zu einem fachübergreifend interessierenden Thema. Die Ordnungen von Texten, und wie (außertextliche?) Ordnungen durch Texte verhandelt und vermittelt werden, beschäftigen auf die eine oder andere Weise alle historisch arbeitenden Disziplinen. Unter einer hohen Kassettendecke und zwischen filigran bemalten Wänden versammelten Daniela Fuhrmann und Pia Selmayr von der Universität Zürich ihre Kollegen aus der germanistischen Mediävistik, von Kiel bis Zürich, von Köln bis Chemnitz, um Ordnung zu schaffen im Sprechen über Ordnungen. Auch Historiker aus dem SFB 1150 spielten Mäuschen und spitzten die Ohren, ohne sich freilich in das Tableau besprochener Tiererzählungen eingliedern zu lassen.

Die Eröffnung der Gastgeberinnen räumte das thematische Feld von erzählten Ordnungen // Ordnungen des Erzählens auf. Ordnung im und am Text, Ordnung, Kognition und Wissen, Ordnung zwischen Destabilisierung und Stabilisierung, Ordnung, Umordnung und Unordnung, Ordnung und Semantik, Ordnung und Narratologie, Ordnung und Zeitlichkeit – alles dies fand sich an den folgenden Tagen anhand vielfältiger Analysen einzelner Texte der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen deutschsprachigen Literatur wieder. Dabei wurde Wert auf einen Ordnungsbegriff mittlerer Verbindlichkeit gelegt, der „einen geregelten Zusammenhang von diesem und jenem“, eine Richtung, aber keine Statik impliziert. Die für die einzelnen Analysen ausgewählten Stücke aus Epik, Geschichtsdichtung, Märe, Minnerede und mehr ordneten sich für Zuhörer aus dem SFB „Kulturen des Entscheidens“ zu einem Muster, das Ordnungen dem Entscheiden zur Seite oder vielleicht vielmehr gegenüberstellt. Ordnungsverhandlungen fanden zu einem guten Teil anhand von Entscheidungssituationen statt.

Ordnung vor Gericht?

Michael Waltenberger (München) fragte, ob alles in Ordnung sei, wenn eine unentschiedene Minnesituation im Rahmen einer Gerichtsverhandlung behandelt wird und schlussendlich auch dort ungelöst bleibt. Das formalisierte Entscheiden des Minnegerichts endet in Fristsetzungen, die den Ball wieder an die ungerührte Dame zurückspielen, indem sie bei mangelnder Minnebereitschaft lediglich mit weiteren Klagen, weiterem Entscheiden drohen. In der Ordnung gerichtlichen Entscheidens ist der Minnende wohl besser nicht. Auch ein fälschlich der Häresie bezichtigter Bauer in einer von Klaus Ridder (Tübingen) besprochenen Kurzerzählung hätte auf das gerichtliche Entscheiden wohl lieber verzichtet. In solchen Erzählungen kann sich verknappende Zeit als Signum der Ordnungsbedrohung ausgemacht werden, wie auch häufig als Signum des Entscheidens, was zum Nachdenken über die Beziehung von Entscheidungsbedarf und Prekarität (Entscheidbarkeit) von Ordnungen anregte.

Höfische Ordnungen

In Tobias Bulangs (Heidelberg) Ausführungen zum Erzählen von Tristan erschien die alternativlose Notwendigkeit erzählter Entwicklungen als Resultat gerade fragmentierter, Kontingenz aufrufender, verstreut eingewebter Elemente höfischer Ordnungen; eine Art invertierter decisio, die aus der Optionalität den richtig gerichteten Weg des Helden produziert. Ebenfalls in höfischem Umfeld wandelte Andreas Kraß (Berlin), der Variation, Inversion und Perversion des Brautwerbungsschemas im König Rother besprach und die Frage aufwarf, welche (reichs)politische Lesarten dieses dynastisch-literarischen Entscheidungsproblems vertreten werden könnten. Durch Vorausdeutungen auf pippinidische Sprösslinge der Figuren werden stetig Entscheidungsräume, die die Figurenkonstellationen eröffnen, im notwendigen Fluchtpunkt der historisch bekannten karolingischen Ordnung aufgehoben. Oder erhält dadurch etwa eben jene Ordnung einen Anstrich von Alternativität?

Jan Mohr (München) untersuchte den „schweifenden Blick“ im Artusroman, der das Spannungsverhältnis des Artushofes zwischen Agonalität und Egalität in der Erzählung aushaltend übergleitet, und eben nicht systematisch verhandelt. Im Vordergrund standen ihm Zweikampfsituationen, die auf eine Hierarchisierung durch Entscheidung hinauslaufen, wobei diese dennoch nur durch die Ebenbürtigkeit der Gegner legitimiert werden kann. Resultat der erzählerischen Blickordnung sind Kampfsuspendierungen und Verschiebungen, eine an Alternativitätspräferenz grenzende Alternativitätsindifferenz des höfischen Settings.

Diese Befunde verweisen entscheidensthematisch auf die Frage nach der möglichen oder vermeintlichen Entscheidungsarmut der Vormoderne. Eine Antwort wird wohl mindestens ebenso lange auf sich warten lassen wie manche Entscheidungen des Reichskammergerichtes, doch die Zürcher Tagung zu erzählten Ordnungen hat eine neue Problemformulierung beigetragen: Ordnung durch/anhand von Entscheiden – oder Ordnung statt Entscheiden?