Archiv der Kategorie: Allgemein

Buridans Esel oder vom unendlichen Glück des Entscheidens (Teil II)

von Jan Keupp

Wenig Konkretes wusste der badische Kirchenrat Karl Joseph Bouginé im 1789 erschienenen ersten Band seines ‚Handbuchs der allgemeinen Litterargeschichte‘ unter dem Stichwort ‚Johann Buridanus‘ anzugeben. Der mittel­alterliche Gelehrte, so wird knapp vermerkt, habe in zeittypischer Manier Schriften über die Logik verfasst. Dabei habe er „das Sprüchwort: Asinus Buridani“ in die Welt gesetzt habe, „worüber die Gelehrten vergebens nachgrübelten“.[1] Vorschnell scheint in diesem Eintrag das Verb ins Präteritum gesetzt: Das gelehrte Nachgrübeln nämlich dauert bis in die Gegenwart hinein an. Im Allgemeinen darum bemüht, das Leiden des unentschieden zwischen zwei gleichermaßen attraktiven Heuhaufen gefangenen Grautiers zu beenden, ersannen man immer neue Rettungspläne. In Fortsetzung meines letzten Blogbeitrags möchte ich drei weitere Varianten präsentieren.

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Von Bäckern und Brezen: Ein persönliches Entscheidensdilemma

Heute machte ich auf meinem Weg ins Büro bei einer Bäckerei halt, um mir noch schnell ein Frühstück zu besorgen. Dort stehe ich also vor den zahlreichen Backwaren und überlege vor mich hin; wohl etwas zu lange, denn der freundliche Herr hinter der Theke fragt mich, ob er mir helfen könne. Ich erwidere: „Das wird wohl sehr schwierig, weil die einzige Frage, die ich mir stelle, die ist, was ich eigentlich will“. Woraufhin er den trefflichen Satz formuliert: „Ja, da müssen Sie sich jetzt selbst entscheiden“.
Damit traf der nette Herr einen der Kernpunkte der „Kulturen des Entscheidens“: Was ist überhaupt „entscheiden“? Von Bäckern und Brezen: Ein persönliches Entscheidensdilemma weiterlesen

„Ich habe heute leider kein Foto für dich“ oder: Entscheiden über das unternehmerische Selbst

Foto: lil’_wiz, CC BY-ND 2.0

Wer „kein Foto“ bekommt, der hat seine Chance nicht genutzt. Das Ziel „Germanys Next Top Model“ (GNTM) zu werden, ist für die Kandidatin verloren. Seit 2006 wurden zahllose Zuschauer zu Zeugen derartiger Entscheidungen. Sie konnten beobachten, wie ein Gremium aus „Experten“ und „Expertinnen“, unter dem Vorsitz von Heidi Klum, vorgab gemeinsam nach fachlichen Kriterien, eine ‚objektive’ Entscheidung zu fällen. Durch eine Kette solcher Entscheidungen soll dann festgestellt werden, wer „das Zeug dazu hat“ ein Top Model zu sein. Andere Sendungen dieser Art oder Miss-Wahlen setzen auf das Vergeben von Punkten durch eine Jury. Das „Top Model“ jedoch wird über ein Verfahren „gefunden“. Was bedeutet dieser Unterschied? „Ich habe heute leider kein Foto für dich“ oder: Entscheiden über das unternehmerische Selbst weiterlesen

„You decide“ II

Marlboro-Plakat You Decide
Marlboro-Plakat, Foto: urbanshit.de

Im ersten Beitrag zum Entscheidensdiskurs in der Werbung stellen wir Marlboro und Aldi als zwei Pole gegenüber: Die „You decide“-Kampagne von Marlboro als wörtlich plakative Bejahung von Entscheidungsfreiheit, Aldis „Einfach ist mehr“-Kampagne als selbsternannte Befreiung von der Überforderung des Entscheidens. Doch reflektieren die Marlboro-Plakate nicht vielleicht auch, nur subtiler Überforderung? Und macht beim Tabak gar nicht so sehr die Überforderung, sondern vielmehr das Risiko Entscheiden zur Zumutung? „You decide“ II weiterlesen

Enteignungsentscheidung

von Felix Gräfenberg

Artikel 27 der mexikanischen Verfassung von 1917 sah die Verstaatlichung der Erdölindustrie vor. Verschiedene Faktoren des politischen Systems Mexikos ließen es zu, dass die vorgesehene Enteignung lange Zeit nicht Inhalt politischen Entscheidens wurde. Schließlich waren es nicht verfassungsrechtliche Probleme, sondern außen- und sozialpolitische Strukturen, die einen diesbezüglichen Entscheidungsbedarf konstituierten und eine ebensolche Entscheidung herbeiführten.

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