Interview mit Saša Stanišić

(c) Luchterhand Literaturverlag, Ausschnitt des Originals

Von Sarah Nienhaus

Saša Stanišić hat mit den Romanen Wie der Soldat das Grammofon repariert (2006), Vor dem Fest (2014) und Fallensteller (2016) den Buchmarkt erfrischt. Einen bunten Strauß an Literaturpreisen hat seine literarische Arbeit bereits zusammengetragen; zu nennen wären etwa der Kelag-Publikumspreis (2005), Literaturpreis der Stadt Bremen (2007), Adelbert-von-Chamisso-Preis (2007) und den Preis der Leipziger Buchmesse (2014). In diesem Jahr erhielt er für sein jüngstes Werk den Schubart-Literaturpreis.

Die Gegenwartsliteratur bekommt von den Literaturwissenschaften im Fachbereich des SFB 1150 bislang wenig Aufmerksamkeit und so ist die Neugier groß, was junge Autoren/Autorinnen dem SFB mit auf den Weg geben können. Saša Stanišić hat sich im Dezember 2016 in Form eines digitalen Interviews bereit erklärt, die ‚Kulturen des Entscheidens‘ um eine zeitgenössische, literarische Perspektive zu erweitern.

Was wäre für Sie eine ‚Poetologie des Entscheidens‘?

Vielleicht eine Art persönlicher ästhetischer Ideologie über das Verwerfen von getroffenen Entscheidungen während des Schreibprozesses.

Welchen Stellenwert und welche Funktion haben Prozesse des Entscheidens in der Literatur und in Ihrer Erzählkunst? Welche Möglichkeiten sehen Sie hier bei der Gattung der Autobiographie oder in ‚autobiographischen Fallen‘?

Ich treffe beim Schreiben permanent Entscheidungen. Jeder Satz musste entschieden  werden, sich durchgesetzt haben gegen andere mögliche Sätze. Jede Figur musste eine Biografie bekommen, jedes Motiv eine Art Berechtigung. All das uvm. sind Ergebnisse von inneren Debatten über den Text, aus denen Entscheidungen über den idealen Kandidaten getroffen werden. Bei der Autobiografie ist das Ganze wahrscheinlich mehr auf das Ästhetische limitiert. Wie also schreibe ich diesen („wahren“) Satz über mich. Die Fiktion erlaubt es, bei der „Wahrheit“ auch mal unentschieden zu bleiben.

Sammeln oder Selektieren – welchen Umgang wünschen Sie sich mit Ihren Notizbüchern/Skizzen und autobiographischen Schriften?

Ich habe so wenige, so dass Selektieren gar nicht so notwendig wäre.

Wie sind Sie Schriftsteller geworden? Gab es überhaupt einen Entscheidungsprozess?

Ich habe schon als Jugendlicher geschrieben und daran Freude gehabt. Das ist bis heute so. Ich habe ein Mal tatsächlich eine Entscheidung getroffen – in Leipzig, am Deutschen Literaturinstitut zu studieren –, die mich eher in Richtung einer Karriere als Schriftsteller gebracht hatte (statt in die akademische Richtung als Alternative zu gehen).

Haben Sie zwischen ‚Brotberuf‘ und der schriftstellerischen Tätigkeit unterschieden?

Ja, temporär als ich eben noch nicht vom Schreiben leben konnte.

Mit welcher Romanfigur würden Sie gerne Essen gehen?

Mit Moby Dick.

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