Von Bäckern und Brezen: Ein persönliches Entscheidensdilemma

Heute machte ich auf meinem Weg ins Büro bei einer Bäckerei halt, um mir noch schnell ein Frühstück zu besorgen. Dort stehe ich also vor den zahlreichen Backwaren und überlege vor mich hin; wohl etwas zu lange, denn der freundliche Herr hinter der Theke fragt mich, ob er mir helfen könne. Ich erwidere: „Das wird wohl sehr schwierig, weil die einzige Frage, die ich mir stelle, die ist, was ich eigentlich will“. Woraufhin er den trefflichen Satz formuliert: „Ja, da müssen Sie sich jetzt selbst entscheiden“.
Damit traf der nette Herr einen der Kernpunkte der „Kulturen des Entscheidens“: Was ist überhaupt „entscheiden“?

Bäckereipsychologie

Der Bäckereifachverkäufer wies mich mit seinem Kommentar darauf hin, dass er mir nicht in den Kopf sehen könnte und mir deshalb auch bei meiner Entscheidung nicht helfen könne. Eine Aussage, mit der er durchaus Recht hat, sich aber an der Zielsetzung unseres SFB vorbeibewegt – Schade, ein Bäckereiprojekt in einem SFB hätte durchaus Vorteile. Er verwendete damit den geläufigen Entscheidungsbegriff, der durch technokratische Modernitätserzählungen Eingang in die Alltagssprache gefunden hat. Wir entscheiden uns für eine Breze und exponierte Persönlichkeiten entscheiden große politische Fragen. Hierbei wird die Entscheidung als rein mentaler Akt wahrgenommen.

Nun interessiert mich die konkrete Entscheidung nicht so sehr, wie das Entscheiden als sozialer Prozess. Was wird als entscheidungsfähig wahrgenommen und gerahmt, wer entscheidet, auf welchen Grundlagen und mit welchen Ressourcen? Wie wird überhaupt entschieden?

Soziales Entscheiden

Als erstes ist festzustellen, dass Entscheiden ein voraussetzungsvoller Prozess ist, das heißt, es ist an Rahmenbedingungen geknüpft. Ich kann mich in der Bäckerei nur „entscheiden“, weil allen beteiligten Akteuren die formalen Rahmenbedingungen meiner Rolle als Einkäufer klar sind. Seit Kindertagen üben wir, wenn auch spielerisch, das Einkaufen ein und übernehmen damit die soziale Rahmung der Situation. Man könnte den Vorgang beim Bäcker also auch als erfolgreiche Kommunikation bezeichnen.


Nicht jedes Einkaufserlebnis zeichnet sich durch erfolgreiche Kommunikation aus.

Dies ist nicht weiter überraschend, da Entscheiden als sozialer Prozess nicht von der Kommunikation zu trennen ist. Wenn ich jeden Morgen eine Breze kaufe, so ist dies eine Routinehandlung. Nehmen wir nun an, ich stünde in der Bäckerei und jemand erleidet neben mir einen Schwächeanfall; ich aber würde weiter meine Breze kaufen anstatt zu helfen und bräuchte mich also nicht wundern, wenn ich mir danach Vorwürfe anhören muss, warum ich nicht geholfen hätte, sondern mich stattdessen entschieden hätte, meine Breze zu kaufen. In diesem Moment wird die eigentliche Routinehandlung durch eine Abweichung nachträglich zur Entscheidung und zwar erst durch die soziale Rekontextualisierung der Situation.

Dieser Rechtfertigungsdruck erwächst aus dem Vorwurf, ich hätte mich falsch entschieden, hätte also aus mehreren vorliegenden Handlungsalternativen die falsche ausgewählt. In unserem hypothetischen Beispiel werden hier nachträglich Alternativen thematisiert, was uns zu dem nächsten zentralen Aspekt des Entscheidens bringt. Vielfach wird Entscheiden als Auswahl einer Alternative unter vielen definiert. Es interessiert in dieser Überlegung heute nicht, ob sich jemand falsch oder richtig entscheidet, sondern die umliegenden Faktoren, die Entscheiden als sozialen Prozess konstituieren und modellieren. Welche Alternativen werden konstruiert und kommuniziert? Wie wird ausgewählt? Wer ist beteiligt? Vor wem wird sich danach wie gerechtfertigt?

Das Kreuz mit der Kontingenz

Diese Frage bringt uns dem Kern des Entscheidensprozesses näher: Der Kontingenz. Das heißt, ich könnte mich immer auch anders entscheiden. Die Entscheidung ist demnach eine Art mit Kontingenz umzugehen. Sie hat Kontingenz zur Voraussetzung und legt diese zugleich offen, indem sie ein „oder“ beziehungsweise ein „auch anders“ in die Welt setzt. Es gilt also, ein Unsicherheits- und Ungewissheitsmoment zu überwinden und somit sind Entscheidungen immer mit einer Spur Willkür behaftet. Genau diese Tatsache macht Entscheidungen so anfällig für Widersprüche und Rechtfertigungsdruck. Die einmal konstruierten Handlungsalternativen sind auch bei ihrer ‚Nichtwahl‘ nicht sofort vergessen und nicht existent, sondern werden gegebenenfalls zur Grundlage von Dissens – nicht zu verwechseln mit dem inneren Dissens, warum ich schon wieder beim Bäcker frühstücke, anstatt mir einen veganen, Bio-, Superfood-Smoothie zu machen.

In diesem Moment, wenn es im Entscheidensprozess zu einer Zäsur kommt, die handlungsrelevante Alternativen von ausgeschlossenen trennt, würde ich von einer „Ent-scheidung“ oder von einer „decisio“ sprechen. Sowohl der deutsche, als auch der lateinische Begriff legen nahe, dass etwas zerteilt, beziehungsweise abgeschnitten wird. Dies geschieht in zweierlei Hinsicht. Die Situation vor der Zäsur – ich ohne Breze – ist anders als die Situation danach – ich mit Breze – und die anderen Alternativen – zum Beispiel ich mit Croissant oder ich mit Nussecke – sind nicht eingetreten. Die Annahme, dass diese Zäsur auf Binärentscheidungen herunterzubrechen ist, ist hierbei eine weitverbreitete Fehlannahme. Eine Entscheidung für die Breze ist nicht zwangsläufig eine Entscheidung gegen ein Croissant, ich könnte im Rahmen des realistisch Möglichen und meines Hungers auch beide kaufen. Hier treten auch soziale Implikationen auf, denn zu viele Backwaren könnten mich an einem gemeinsamen Mittagessen hindern. Die Entscheidung erzielt also Effekte innerhalb meines sozialen Netzwerkes.

Leider erzielt mein Kaufverlangen keine Angebotseffekte innerhalb des Bäckereinetzwerkes und so steige ich mit einem belegten Brötchen bewaffnet aufs Fahrrad, um im Münsteraner Regen über Entscheiden nachzudenken oder in Wahrheit darüber, wie gern ich eine Breze gekauft hätte.

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