Buridans Esel oder vom unendlichen Glück des Entscheidens (Teil II)

von Jan Keupp

Wenig Konkretes wusste der badische Kirchenrat Karl Joseph Bouginé im 1789 erschienenen ersten Band seines ‚Handbuchs der allgemeinen Litterargeschichte‘ unter dem Stichwort ‚Johann Buridanus‘ anzugeben. Der mittel­alterliche Gelehrte, so wird knapp vermerkt, habe in zeittypischer Manier Schriften über die Logik verfasst. Dabei habe er „das Sprüchwort: Asinus Buridani“ in die Welt gesetzt habe, „worüber die Gelehrten vergebens nachgrübelten“.[1] Vorschnell scheint in diesem Eintrag das Verb ins Präteritum gesetzt: Das gelehrte Nachgrübeln nämlich dauert bis in die Gegenwart hinein an. Im Allgemeinen darum bemüht, das Leiden des unentschieden zwischen zwei gleichermaßen attraktiven Heuhaufen gefangenen Grautiers zu beenden, ersannen man immer neue Rettungspläne. In Fortsetzung meines letzten Blogbeitrags möchte ich drei weitere Varianten präsentieren.

Rettungsversuch Nr. 3: Es könnte alles so einfach sein…

„Eine Entscheidungsblockade kann grundsätzlich durch zusätzliche, nicht-empirische Gründe vermieden werden“, so urteilte der Philosoph Jürgen Mittelstraß.[2] Auch dieser Vorschlag fußte – bewusst oder unbewusst – auf einer langen Geistestradition, die ihren Ausgang bei Thomas von Aquin nimmt. Statt Randomisierung propagierte der Kirchenlehrer künstliche Rationalisierung. Die Kraft zur Autosuggestion passender Argumente galt ihm als besondere Fähigkeit des menschlichen Geistes.[3] Wo es an Rationalität mangele, könne der „Reiz der Phantasie“ abhilfe schaffen, so erklärte auch ein Philosophietraktat des Jahres 1542.[4] Sich entscheiden also, einfach weil man/frau es kann? Dieser scheinbar geniale Weg, der Falle tödlicher Indifferenz zu entrinnen, schien Pierre Bayle ebenso gangbar wie Niklas Luhmann: „Selbst Buridans Esel wird überleben, auch wenn er merkt, daß er sich nicht entscheiden kann; denn dann entscheidet er sich eben deshalb!“[5] Allerdings hatte Thomas wie Buridan wohlweislich die menschliche Vorstellungskraft von der geistigen Schlichtheit des Esels unterschieden und damit diesen Fluchtweg wirkungsvoll verbarrikadiert.[6] Dieser vormodernen Differenzierungsleistung zum Trotz fand die Moderne ungemeinen Gefallen an der Vermenschlichung des Langohrs. Der Esel solle sich gefälligst „als autonomes Subjekt“ den kontingenten Möglichkeitsraum des Entscheidens erobern, sich durch „mentale Selbstregulation“ aus seiner selbstauferlegten Starre befreien.[7]

„Einfach entscheiden“ lautete die Wunderformel, mit deren Hilfe ihn Günther Ortmann aus seinen Qualen erlösen wollte.[8] Sobald man dem antriebslosen Tier nicht mehr abverlange, „wohlbegründet“ auszuwählen, habe die Äquivalenz der Alternativen ihre lähmende Macht verloren. Woher der ausschlaggebende Willensimpuls für die geforderte spontane Willkürentscheidung rührt, bleibt bei diesem Vorschlag weithin offen. Wie soll der Esel das Paradox lösen, auf kalkulierte Weise und mit Ansage Spontanität zu zeigen? Auch „einfach machen“ scheint so leicht nicht zu realisieren.

Rettungsversuch Nr. 4: Aus zwei mach eins!

Die Zwickmühle, so erneut Günther Ortmann, ließe sich womöglich auch „orthodox ökonomisch“ aushebeln, durch die Kalkulation des Grenznutzens nämlich. Denn auch der dümmste Esel müsse einsehen, dass „der Wert des Überlebens den möglichen Zusatznutzen der besseren Entscheidung, der ja gegen Null tendiert, ersichtlich bei Weitem übersteigt“.[9] Ortmann versucht dem Esel also das Entscheiden zu erleichtern, indem er eine dritte Alternative von höherem Nutzwert ins Spiel bringt. Präziser noch: Er verschiebt das Problem des Esels auf die schlichte Frage von Fressen oder Sterben und sorgt zugleich dafür, dass die äquivalenten Heuhaufen in den Worten Ludwig Fuldas „keine gegensätzliche Zweiheit, sondern eine Einheit“ bilden.[10] Die mentale Aporie des Langohrs, so lässt sich Amatyra Sen vernehmen, liege darin, dass er „as a vigorous optimizer and a great believer in complete orderings“[11] den maximalen Nutzen der richtigen Wahl über die langfristige Optimierung seiner Lebenserwartung stelle. Weniger elaboriert aber mit ähnlichem Grundgedanken hatte dies bereits der spanische Gelehrte Averroes im 12. Jahrhundert postuliert. Wie die Entscheidung des Hungrigen auch ausfalle, „immer erreicht er das Gewollte und erfüllt seine Begierde“, sofern er die Wahl nicht zwischen einer der gleichartigen Optionen, sondern nur zwischen Nehmen und Liegenlassen treffe.[12]

Eine geniale Lösung – oder doch nur Eselei? Am Ende dreht sich das arme Tier nach allem Denkaufwand lediglich im Kreis. Akzeptiert es nämlich den naheliegenden Schluss, dass es für ihn besser wäre, „einfach“ irgendeinen statt gar keinen der Heuhaufen zu konsumieren, so brächte diese Erkenntnis das Langohr nicht einen Schritt weiter. Denn nun stünde es erneut und kaum klüger vor der Folgefrage, ob es sich denn nach links oder nach rechts wenden solle. Selbst wenn es dem Esel kraft ökonomisch geschulter Autosuggestion gelingen sollte, seine beiden Nahrungsquellen als eine einzige zu imaginieren: Im Augenblick des konkreten Handelns müsste er erkennen, dass er doch nur einen gedanklichen Purzelbaum geschlagen hat.

Rettungsversuch Nr. 5: Ein altes Problem in neuem Rahmen

„Wenn ein Mensch ein Brot verspeist, dann legt er nicht vorab fest oder überlegt, in welches Stück er zuerst beißen soll“, so beschließt Bartholomäus de Medina sichtlich entnervt seine Reflexionen zum Esels-Dilemma.[12] Anders formuliert: Routinehandeln kennt kein Entscheiden – nicht einmal ein „einfaches“! Vorstellbar wäre demnach ein Wechsel der Vorzeichen: Würde man den Esel in einen Handlungskontext versetzen, der gänzlich frei vom Erwartungsdruck rationaler Entscheidung wäre, so müsste sich sogleich seine Sicht auf die Gleichwertigkeit der Alternativen wandeln. Die doppelte Futtermenge würde womöglich sogar als Glücksfall gedeutet. Würde der Esel von einem reinen Hasardspiel ausgehen, wäre die Last der Rationalität gleichfalls verschwunden. Bayles Losentscheid zwischen den beiden „Buhlschwestern“ wäre umgekehrt unnötig, wenn im Frankreich des 17. Jahrhundert Polygamie oder ‚freie Liebe‘ geherrscht hätte. Die gedankliche Einordnung des Geschehens erweist hier einmal mehr ihre soziale Macht, die im Extremfall unseres Exempels über Leben und Tod entscheidet: Die passende Rahmung ist nach Erving Goffman in der Lage, „einen sonst sinnlosen Aspekt der Szene“ – das schmähliche Verhungern im Überfluss – „zu etwas Sinnvollem“ werden zu lassen. [13]

Sinnvoll indes ist die Szene in erster Linie als scholastisches Gedankenspiel. Damit wird deutlich, weshalb dem Esel sein schlimmes Schicksal kaum erspart werden kann: Innerhalb der narrativen Logik des Exempels steht ihm nur ein einziger Handlungsrahmen zur Verfügung, der ihn unentrinnbar die rationale Differenzierung des Indifferenten abverlangt. Der Hungertod erscheint dadurch systemimmanent, solange der freie Wille nicht sein Haupt erhebt.

Weshalb alleine das Verhungern das Überleben sichert

So scheint tatsächlich alles Nachgrübeln der Gelehrten vergebens. Das ist in zweifacher Weise auch gut so. Zum einen hat ihr Scheitern die stets zeitgebundenen Narrative und Parameter vermeintlich ‚richtigen‘ Entscheidens in ihrer historischen Wandelbarkeit zu Tage gefördert. Zum anderen bewahrt das Versagen seiner Retter unseren Esel vor einem noch schlimmeren Schicksal.  Denn für das erzählten Grautier wäre jeglicher Befreiungsschlag in letzter Konsequenz fatal. Der von vielen Beobachtern so sehnsüchtig erhoffte Akt der Entscheidung nämlich würde ihn unversehens aus seiner gedankenexperimentellen Existenz stoßen. Den Esel vereint mit seinen zahllosen tierischen Gefährten im scholastischen Exempel das Schicksal, „nonentities, mere nothings, of no importance or worth in their own right“ zu sein.[14] Ihr bis heute andauerndes Dasein verdanken sie zunächst der gekonnten Erzählkonstruktion ihrer menschlichen Schöpfer, dann aber vor allem der Rezeptionsleistung der Nachgeborenen. Ihnen schien es, allen Skeptikern zum Spott, über Jahrhunderte immer wieder „nöthig, sich über der Untersuchung dieser Esels-Materie und Esels-Logic aufzuhalten“ und das Tier dadurch vor dem historischen Vergessen zu bewahren.[15]

Ein zoon politikon ist der Esel also gerade dadurch, dass er es unzähligen Denkern gestattete, ihr schreibendes Handeln sinnhaft auf das seine zu auszurichten. Diese Sinnhaftigkeit indes scheint gefährdet, sobald der Esel sich zu einer unüberlegten Entscheidungstat hinreißen lässt. Die Anhänger eines aristotelischen Determinismus würden ihm, durch sein Willkürhandeln gnadenlos des Irrtums überführt, vermutlich rasch den Rücken kehren. Wer ihn durch Zufall, Quantenphysik oder ökonomische Optimierungsstrategien gerettet sähe, würde sich bald neuen Problemstellungen zuwenden. Jene Autoren aber, die das Grautier unter Verweis auf sein sophistisches Naturell ohnehin für überflüssig erklärt haben, würden zu seinen mörderischen neuen Bündnispartnern. Die Ent-Scheidung entfaltet damit ihr destruktives Potential, indem sie vitale Verbindungen abtrennt.

Um die Bedeutsamkeit seiner Existenz zu bewahren, wird man dem Esel daher am Ende gar raten wollen, den Prozess des Entscheidens nach Kräften zu prolongieren. Der Hungertod wäre aus der Beobachterperspektive womöglich die rationalste aller Alternativen. Für uns Geisteswissenschaftler jedenfalls, hierin in Christian Morgenstern zuzustimmen, hält gerade das unverzehrte Futter ausreichend Stoff für weitere Gedankenspiele bereit: „Das Heu liegt heut wie ehedem, / liegt links, liegt rechts und höchst bequem / für jeden, der ungleich dem Obigen, / als schlichter Esel zu belobigen“.

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Die Fußnoten verstehen sich als Fortsetzung der in Teil I gesetzen Referenzen. Alle links letztmalig abgerufen am 15.05.2017.

[1] Karl Joseph Bouginé, Handbuch der allgemeinen Litterargeschichte nach Heumanns Grundriß, Bd. 1, Zürich 1789, S. 545.

[2] Jürgen Mittelstraß, Das Undenkbare denken. Über den Umgang mit dem Undenkbaren und Unvorstellbaren in der Wissenschaft, in: Virtualität und Realität. Bild und Wirklichkeit in den Naturwissenschaften, hrsg. von Kurt Komarek/Gottfried Magerl, Wien/Köln/Weimar 1998, S. 1-25, S. 18.

[3] Thomas von Aquin, Summe der Theologie, hrsg. und übers. von Ceslaus Maria Schneider, Bd. 5, Regensburg 1887, I-II q. 13 a. 6, mit einer lateinischen Fassung online: http://www.unifr.ch/bkv/summa/kapitel134-6.htm. Siehe auch Rescher, Choice, S. 151f., der zudem S. 149f. auf die nicht unähnlichen Überlegungen des Averroes verweist, der das Paradox folgendermaßen zu lösen versucht „He prefers the act of taking one of the two, whichever it may be, and he gives a preference to the act of taking over the act of leaving.“ (149). Zu Recht hebt Rescher hervor, dass hierin noch immer keine hinreichende Begründung für die Wahl einer der beiden Alternativen gegeben ist.

[4] Franz Titelmans, Compendium naturalis philosophiae. Libri duodecim de consideratione rerum naturalium, earumque ad suum Creatorem reductione, Paris 1542, S. 205r

[5] Niklas Luhmann, Soziale Systeme. Grundriss einer allgemeinen Theorie. Frankfurt a.M. 1984, S. 491.

[6] Siehe zu Buridan Henrik Lagerlund, Buridan’s Theory of Free Choice and Its Influence, in: Emotions and Choice From Boethius to Descartes, hrsg. von dems./Mikko Yrjonsuri, Dordrecht/Boston/London 2002, S. 173-203, S. 178; Fabienne Pironet, The Notion of ‚Non Velle‘ in Buridan’s Ethics, in: The Metaphysics and Natural Philosophy ofJohn Buridan, hrsg. von Johannes M. M. H. Thijssen/Jack Zupko, Leiden/Boston/Köln 2001, S. 199-219, S. 210.

[7] Gotthard Günther, Cognition and Volition – Erkennen und Wollen. Ein Beitrag zu einer kybernetischen Theorie der Subjektivität. In: Ders., Das Bewusstsein der Maschinen, Baden-Baden 3. Aufl. 2002, S. 229-285, S. 256; Angelika C. Wagner, Gelassenheit durch Auflösung innerer Konflikte. Mentale Selbstregulation und Introvision, Stuttgart 2007, S. 100.

[8] Günther Ortmann, Buridans Esel verhungert nicht Notiz zur Paradoxie des Entscheidens, in: Organisation und Welterschließung. Dekonstruktionen, Wiesbaden 2003, S. 145-147.

[9] Ebd., S. 146.

[10] Ludwig Fulda, Schopenhauer und das Problem der Willensfreiheit, in: Jahrbuch der Schopenhauer Gesellschaft 19 (1932), S. 115-138, S. 123.

[11] Amartya Sen, The Discipline of Cost-Benefit Analysis, in: Journal of Legal Studies 29,2 (2000), S. 931–952, S. 940f. (url: https://dash.harvard.edu/bitstream/handle/1/3444801/Sen_DisciplineCost-Benefit.pdf?sequence=2).

[12] Max Horten, Die Hauptlehren des Averroes nach seiner Schrift: Die Widerlegung des Gazali, Bonn 1913, S. 50.

[13]  Bartholomaeus von Medina, Expositio in primam secundae angelici doctoris D. Thomae Aquinatis, Salamanca 1582, S. 228.

[14] Erving Goffman, Rahmen-Analyse. Ein Versuch über die Organisation von Alltagserfahrungen, Frankfurt, 1977, S. 31.

[15] Tom Tyler, The Quiescent Ass and the Dumbstruck Wolf, in: Configurations 14/1 (2008), S. 9-28, S. 15 (url: http://www.cyberchimp.co.uk/research/pdf/Tyler_Ass_and_Wolf.pdf). Der Beitrag erweist sich allerdings als Musterbeispiel grotesk verfehlter animal studies. Wenn der Autor reklamiert, den Tieren im mittelalterlichen Exempel zu eigenem Recht verhelfen zu wollen, dann sollte er sich zunächst mit den Originaltexten befassen, statt lediglich Reschers teilweise verzerrte Darstellung zu referieren. Gerade die Unterscheidung zwischen menschlichem und tierischem Willen war für die Scholastiker maßgeblich.

[16] Johann Jakob Brucker, Kurtze Fragen aus der Philosophischen Historie, Bd. 5, Ulm 1734, S. 1207.

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